
Prof. Dr. Ernst Klaus Schneider
Detmold, den 13. August 2007
Hochschule für Musik Detmold
32756 Detmold
Neustadt 22
e-mail ernst-klaus-schneider (at) web.de
CONCERTINO PICCOLINO
„BESUCH IM MUSEUM“
Sechsmal im Jahr strömen 100 vier- bis sechsjährige Kinder mit ihren Angehörigen ins Sommertheater Detmold, um im Concertino piccolino der Vielfalt der Musik, von der ganz alten bis zur neuesten, begegnen. Diese Konzertreihe ist außerordentlich erfolgreich: bereits Monate vor Beginn der Saison sind die Konzerte ausabonniert. Studierende unserer Hochschule haben die Idee dieser Konzerte längst in andere Städte getragen(Münster, München, Hannover, Wien) und veranstalten dort ähnlich konzipierte Konzerte.
Im Konzert am 25. November 2007 wird es um einen „Besuch im Museum“ gehen. Denn es hat sich für den allerersten Einstieg in das Konzertleben bewährt, ein außermusikalisches Rahmenthema zu wählen, das den Kindern Gelegenheit gibt, ihre Vorerfahrungen einzubringen und sich mit Situationen und Personen ihrer Welt zu identifizieren. Studierende der Blechbläserklassen und Studierende des Masterstudienganges „Musikvermittlung-Konzertpädagogik“ werden das Konzert gestalten. Claudia Runde, David Bruchez und Ernst Klaus Schneider haben die Leitung
Ernst Klaus Schneider
1. Hinweise zur Reihe „Concertino piccolino“
Warum veranstalten wir Konzerte für Vorschulkinder?
Die Konzertreihe „Concertino piccolino“ der Hochschule für Musik Detmold wendet sich an Vorschulkinder mit ihren Eltern. Sie ist eine Reaktion auf die tiefgreifenden Veränderungen im Musikleben und auf die Beobachtung, dass die „Offenohrigkeit“ der Kinder (Akzeptanz und Gefallen auch an ungewohnter Musik) bereits am Ende des zweiten Schuljahrs abnimmt. In dieser für die „klassische“ und Neue Musik weithin prekären Situation wird etwas Selbstverständliches zur neuen Aufgabe: dass eine Kultur sorgsam gepflegt und von früh auf weiter gegeben werden muss, wenn sie nicht verloren gehen soll. Die musikalische Bildung muss bei den Kindern beginnen und zwar im Interesse dieser Kinder. Denn das erste Lebensjahrzehnt ist von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der musikalischen Fähigkeiten, auch der Musikinteressen. „Versucht man sich ein allgemeines Bild über die Geschmacks- und Einstellungsbildung bei Jugendlichen zu machen, kann man einen sehr früh einsetzenden Prozess der Differenzierung ausmachen, bei dem die kulturellen Einflüsse der Umgebung einen entscheidenden Beitrag zur Geschmacksbildung leisten […] es wird deutlich, welch eminente Bildungsfunktion der Musikerziehung im Hinblick darauf zukommt, welche Musik wie vermittelt wird“ . Die wirkungsmächtigste Kraft musikalischer Bildung sind in vielen Lebensmilieus die audio-visuellen Medien. Ihr Gebrauch ist verbunden mit einem Verlust an primärer Musikerfahrung. Daher kommt kompensatorisch den frühen Erfahrungen im eigenen praktischen Umgang mit Musik, aber auch bei Live-Erlebnissen mit dem Zuhören, wenn Musiker spielen, eine hohe Bedeutung zu. Kinder sollen früh unmittelbar erfahren, wie die Welt der Musik beschaffen ist, was sie uns mitteilt, wie man mit ihr umgehen und welche Bedeutung sie für den einzelnen gewinnen kann.
Nach der Zeit der Popmusik-Präferenz bei den Jugendlichen gibt es den „Rückkehr-Effekt“ auf Musik, die vor der Pubertät gehört wurde. Das zeigt die Bedeutung früher Begegnung mit „klassischer“ und Neuer Musik.
2. Leitlinien für die Planung der Concertini piccolini
Jedes der sechs Konzerte in einer Saison ist höchst unterschiedlich konzipiert. Sie alle unterliegen folgenden Grundsätzen:
• Konzerte für Kinder sollen Konzerte sein und keine Unterrichtsstunden.
• Kinder nehmen mit allen Sinnen wahr; sie erleben ihre Welt besonders intensiv, wenn sie mit eigenem Tun beteiligt sind. „Bilden ist sich bilden.“ Sich-Bilden ist eine Tätigkeit: Musikhören und freies Spiel, Bewegen und Tanzen, Singen und bildnerisches Gestalten sollen je nach Konzertplan und Konzertort mit Verknüpfungen zur Alltagswelt ineinander greifen.
• Musikalische Bildung baut sich auf in der Begegnung mit allem, was man noch nicht kennt oder noch nicht versteht. Kinder sind offen für jede Art Musik. Es soll in jedem Konzert ein sehr breites Spektrum von Musik erklingen: Improvisationen und Musikwerke, alte und neue Musik.
• Das musikalische Angebot muss eingebettet sein in Erfahrungsbereiche, die den Kindern vertraut sind und Anknüpfungspunkte bilden können für die Aneignung des Neuen.
• Da Kinder in Bildern denken, die sich zu Geschichten fügen, werden die Konzerte auch im Gesamtverlauf inszeniert.
• Für die kindliche Bildung spielen soziale Zusammenhänge eine wesentliche Rolle. Deshalb sollen die Kinder die Konzerte gemeinsam mit ihren Eltern, Verwandten und Freunden erleben. Die Bindung zu den Bezugspersonen ist für die Kinder ein Rückhalt für das neu zu Entdeckende. Die Erwachsenen sollen selbst von der Musik angesprochen werden müssen und in die Gestaltung einbezogen werden.
• Dem Konzert im engeren Sinne gehen Situationen voraus, die mit Empfindungen verbunden und für die Öffnung gegenüber dem Neuen wie für die Erlebnisqualität des ganzen Konzerts wichtig sind: der Gang in den Konzertsaal, das Eintauchen in die besondere Atmosphäre des Raumes, das Wahrnehmen der vorbereiteten Ausstattung, das Eingebunden werden in Rituale. Auch diese Situationen sind bei der Planung zu beachten und zu gestalten .